Mensch, ärgere Dich nicht!

Was mich heute frustriert, wird mich morgen motivieren

Mit mitleidigen Blicken habe ich immer die Leute angesehen, die von ihren sogenannten „Montagsautos“ berichtet haben, und ich war immer froh, nicht zu der Liga dieser Menschen gehören zu müssen.

Das umgangssprachliche Wort „Montagsauto“ hat es sogar zu Wikipedia geschafft:

„Als Montagsstück (auch Montagsmodell oder Zitronenauto) werden in der Industrie einzelne Halbfertig- oder Fertigerzeugnisse verstanden, die durch zumeist mehrere nicht erkennbar miteinander zusammenhängende Produktionsfehler auffallen.“

„Umgangssprachlich betrachtet, handelt es sich dabei um das erste zu Beginn der neuen Arbeitswoche hergestellte Exemplar, bei dem die Arbeitsabläufe noch nicht wieder ihre gewohnte Routine haben, so dass die Genauigkeit der Arbeit leidet („Montagsproduktion“).“

Quelle: Montagsstück – Wikipedia

Irgendwann muss meine Geistige Führung beschlossen haben, dies auch mal ausprobieren zu wollen und schrie beim nächst verfügbaren Modell ganz laut: „Hierrrr“. So hat mein VW Passat den Weg zu mir gefunden.

So wurde auch der heutige Aufenthalt in meiner Autowerkstatt, die mich mittlerweile schon beim Vornamen kennt, länger und schlussendlich musste ich mein Auto mal wieder dort lassen. Zu dem defekten Hinterreifen, kamen jetzt auch noch das Kurvenlicht und ein Fehler im ABS System dazu. Schnell den Stammparkplatz anvisiert, auf dem in imaginären Buchstaben schon mein Name steht und nichts wie weg dort.

Theoretisch hätte es dann ein schöner Tag in der Stadt werden können. Ausgerüstet war ich bestens mit meinem Lebensretter in jeder Lage. Sie ist nicht nur ein wichtiges Mode-Accessoire, sondern auch ein Hilfsmittel für den Alltag – meiner gefühlt 3 Kg Frauen-Handtasche. Hier drin befanden sich ein Wärmendes Stirnband, Handschuhe, Handy, Tarotkarten, Ersatzliquid, viele Taschentücher, Haarbürste, Eyeliner u.v.m. und ganz wichtig in der Stadt – ausreichend Bargeld. So hatte ich alles „rein zufällig“ dabei und war für eine größere Wanderung, inklusive einem aufmunternden Shoppingerlebnis bestens ausgerüstet. Für die meisten Männer ist die Handtasche einer Frau das reinste Mysterium. Denn Frauen verbergen mehr in ihrer Handtasche, als es ihnen bewusst ist. Forscher einer amerikanischen Universität haben herausgefunden, dass der Inhalt einer Handtasche auch auf den Charakter schließen lässt. Was die Forschung wohl zu meiner Handtasche sagen würde?

Der Weg in die Stadt Meiningen war interessant, obwohl er einem Halb-Marathon glich. Man konnte viele Details an Häusern entdecken, wo man vorher im Speed mit 50 km/h vorbei düst und nichts genaues wahrnimmt. Ich spürte beim laufen, wie ich enttäuscht, traurig und sogar wütend, auf das, was mir widerfahren ist, war. Ich weiß, Traurigkeit gehört zu unserem Leben dazu. Manchmal verfliegt das Gefühl schnell, aber oft ist es eine ganz schön große Nummer. Diese ständigen Ärgernisse mit dem Auto liegen wie ein schwerer Mantel über alles und die Last ist sehr schwer.

Aber halt, da war ja noch etwas wichtiges. Genau, der Lockdown, der allen Geschäften, Restaurants und Imbisse verbot, zu öffnen. Nun war der Aufenthalt in der Stadt noch deprimierender. Konnte man irgendwo etwas essbares auftreiben, war es verboten, dies in der Öffentlichkeit zu verzerren und wie das örtliche Ordnungsamt zum E-Zigarette dampfen im freien steht, wollte ich gar nicht erst ausprobieren.

Mit den letzten 2% Handypower rief ich meine Tochter an, die mich heim gefahren hätte, allerdings erst später und mein Ex-Mann schlief noch, da er Nachtschicht hatte.

Da ich ungern andere Menschen mit meinen Problemen belaste, beschloss ich, nur schnell weg hier und mit dem Bus heim fahren. Als ich das letzte mal öffentliche Verkehrsmittel nutzte, war ich glaub ich 18 Jahre alt.

Im öffentlichen Nahverkehr ist der Fahrgast mehr oder minder auf sich allein gestellt. Wer nicht schon in jüngeren Jahren gelernt hat, die komplizierten Fahrpläne in der (Groß)Stadt zu durchschauen, muss im Alter viel dazu lernen. Viele ältere Menschen kapitulieren vor den schwer zu lesenden Linienplänen im Druckformat. Für mich war es in Meiningen einfach, denn beim eintreffen im Busbahnhof wurden mit großen Leuchtzahlen gleich meine Bus-Linie, die Abfahrtszeit und der Bahnsteig angezeigt. Ich hatte 4 Minuten, um zum Bahnsteig 2 zu kommen. Ich eilte los.

Der Fahrer im Bus war sehr freundlich. Ich teilte ihm sofort mit, warum ich hier war, wohin ich wollte und klärte ihm über meine Befindlichkeit auf. Ja ich weiß, ich rede Zuviel. Aber irgendwem musste ich mein heutiges Ärgernis berichten und das freundliche Kerlchen, geschätzt 30 Jahre, bot sich an, zumal der Bus gähnend leer war.

Als ich mit meiner Tochter nach Zypern geflogen bin, sagte sie mir nach dem Rückflug, das sie froh war, nicht neben mir gesessen zu haben. (wir hatten verschiedene Sitzpläne im Flugzeug bekommen) Sie hatte uns von ein paar Sitzen weiter hinten beobachtet. Neben mir saß ein Opfer, nein ein Mann, den ich immer etwas erzählen konnte, ob er wollte oder nicht. Ja er wollte zum Schluss offenbar nicht mehr, da er irgendwann seine Kopfhörer zückte und mir damit zu verstehen gab, das er nun etwas anderes hören wollte.

Für die Busfahrt und die 15 km zahlte ich 2,50 EUR. Ein fairer Preis, wie ich finde. Die Platzwahl war schwierig, da der Bus leer war. Ich entschied mich für einen Platz in der Mitte und schoss ein paar Erinnerungs-Selfis.

Der öffentliche Nahverkehr hat durch Corona zwei Probleme: Es gibt zu wenig Fahrgäste, weil viele Bus und Bahn lieber meiden und die Schülerbeförderung im Lockdown bleibt aus.

Einige Orte weiter stieg ein Jugendlicher zu. Als er sich nach ganz hinten setzte, weit weg von mir, schaute er mich kurz an, und steckte sich sofort seine Kopfhörer in die Ohren. Das hätte glatt ein Freund meiner Tochter sein können.

Skeptiker der öffentlichen Verkehrsmittel sagen gern so Sprüche wie: „Ich bin mit 20 von zu Hause ausgezogen, eigentlich wollte ich das schon mit 16, aber ich musste ja warten, bis der Bus kommt.“ Aber mein Fazit fällt durchweg positiv aus. Ich war von meiner kleinen Reise durchweg begeistert. Meinen Verarbeitungsprozess bezüglich der Traurigkeit habe ich heute Abend bereits abgeschlossen und bin bester Dinge, das alles wieder gut wird.

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