Mein Lockdown Tagebuch

Mein Danke und ein erstes Interview mit der BILD-Zeitung

Gestern wusste kaum einer, wer ich war, abends wussten es Hunderte.

Das mein Artikel über den angeblichen Karnevalsumzug in meinem Dorf Jüchsen, solche Wellen schlägt, hätte ich, als ich auf den „Veröffentlichen“ Button gedrückt habe, nicht im geringsten geahnt. Ich wollte eigentlich nur die Fehlinformationen und ungerechtfertigten Annahmen in meinem Ort richtig stellen. Einfach, das wir hier in Jüchsen nicht alle eine schreckliche Kindheit hatten, die die eigentliche Ursache für die vermeintlich egoistische „Feierwut“ war.

Das immer gleiche Mantra, über eine unsoziale Gemeinde in Zeiten von Corona sollte aufhören. Es brauchte einen Anschub von außen und einen geistigen Reboot, über die wirklichen Geschehnisse in Jüchsen.

Eine unheimliche Welle des Mitgefühls schlug mir am nächsten Tag entgegen und mein Handy glühte förmlich vor „Begeisterung“. Ich war einfach völlig überrumpelt und stand zeitweise emotional etwas neben mir.

Unabhängige Zeitungen griffen meinen Artikel auf. Quelle: Südthüringer Rundschau

DANKE!!!!

Ich danke allen, die mir Nachrichten zukommen liesen, mich angerufen haben oder direkt vor Ort Sympathie für meine Zeilen äußerten, auch ohne ein Journalismus Studium meinerseits. Es gab zahlreiche Rückmeldungen und rege Diskussionen zu meinem Blogartikel und den hyperventilierenden Medien. So erhielt ich aus allen Richtungen viel Lob für mein Engagement zu meiner Recherche-Arbeit und motivierenden Beistand, weiter zu arbeiten. Zeitweise hatte diese Woche mein Wohnzimmer einen Bürocharakter angenommen.

Mein Dank gilt auch meinen Bloglesern, die die unmittelbare Möglichkeit nutzten, sich in Form von Kommentaren unter dem Beitrag zu äußern. Viele Menschen fühlten sich durch mediale Darstellung Jüchsens beeinträchtigt und angegriffen. Nicht zuletzt durch viele Hass-Kommentare von Lesern aus allen Teilen Deutschlands. Mein Blogartikel ist mehrere hundert male allein bei Facebook geteilt worden. Das gewaltige Interesse an meinem Artikel ist Ausdruck des großen Hungers nach Aufklärung zu den Ereignissen in unserem kleinen Dorf.

Da wo viel Ungewissheit ist, dort erblühen eben auch wilde Erzählungen, die informativ klingen, aber meist nur den Wahrheitsgehalt von Märchen haben.

Ich weiß, das ihr nun eine gewisse, direkte Interaktion von mir erwartet, aber ich bin im Moment schlicht weg überfordert von dieser Resonanz. Ich ächzte ein wenig unter der ersten Welle dieser Euphorie, die mir eine ungeahnte Beschäftigungsdauer bescherte.

So hat mich zum Beispiel ein Anruf einer Dame aus Weimar tief bewegt. Sie erzählte mir, das sie beim lesen meines Blogartikels weinen musste, da sie selber einmal von den Medien durch den Dreck gezogen wurde, und ihr das bis heute anhängig ist.

Wildfremde Menschen kamen an meine Haustür oder nutzten das Telefon, um sich bei mir persönlich zu bedanken und mich für den Mut und das Engagement zu lobten. Sie gaben mir zu verstehen, das sie nie auf dieser Medien-Welle surfen wollten, und waren dankbar über die Aufklärung, die für sie plausibel und nachvollziehbar war. Sie haben begriffen, das es viel zu früh war, um die Details des Tathergangs in Stein zu meißeln, wie es am Montag morgen die Medien bereits getan hatten. Die allermeisten Menschen, konnten beim besten Willen keinen Zusammenhang bei dem gezeigten kurzen Video und einem großen Karnevalsumzug erkennen.

Unfreiwillig komisch fand ich ein paar wenige Kommentare, die an meinem Artikel gleich wieder ein Inquisitionsritual durchführten und Anführung des Beispiels der Moschee in Dürren, monierten. Liebe Kritiker: „Ich danke euch für den Hinweis. Bei dem Beispiel ging es mir ausschließlich um „Zahlen“. Das nächste mal führe ich ein anderes Beispiel an, wie Kaninchenzüchter o.ä. Ich merke an, für eure Einsicht müsstet ihr euch geistig mal etwas lockerer machen und die eigene Besessenheit kritisch reflektieren.“

Die Medienszene diskutierte

und schickte sofort am Donnerstag die „BILD am Sonntag“ zu mir.

Gegen 14.15 Uhr stand urplötzlich ein Team von der „BILD am Sonntag“ vor meinem Hermes Paketshop. Ich kehrte gerade mit korrekt sitzender FFP2 Maske!! meinen Eingangsbereichs des Ladens, und wartete auf Arbeit, als ich von den beiden überrascht wurde.

Diese baten mich um ein kurzes Interview zu meinem verfassten Blogartikel. Der Reporter war ein älterer, freundlicher Mann. Der Kameramann war deutlich jünger und schützte sich mit einer schwarzen Stoffmaske, während des Interviews. Ich fragte nach, warum ihnen der persönliche Kontakt zu mir wichtig ist, da alle Fakten zu den Geschehnissen doch aus meinem Blogartikel bereits ersichtlich sind. Man antwortete mir, das sie bis dato noch nicht zum lesen meines Artikels gekommen sind. Toll!!

Trotzdem lies ich mich auf ein Interview mit der „BILD“ ein, da ich meine Meinung vertrete und die Wahrheit sage. Alle, wirklich alle Bürger Jüchsens, die ich bis zum heutigen Tag persönlich gesprochen habe, bestätigten mir meine Aussagen in dem Artikel. Menschen, die sich zum Zeitpunkt der Ereignisse an den unterschiedlichsten Stellen in Jüchsen aufgehalten haben. Jeder hatte eine Erfahrung zu berichten und das Resümee aus allen Aussagen zusammengefasst, bestätigten die Angaben in meinem Blogartikel, in ALLEN Punkten.

Das Interviews fand gleich draußen, vor meinem Laden statt.

Die ersten Frage war, wie es dazu kam, das ich den Blog betreibe und aus welchen Beweggründen. Die Frage war einfach und meine Nervosität verflog etwas, denn ich schrieb als Kind schon gern Gedichte, später Kurzgeschichten und heute bringe ich alles, was mich bewegt zu Papier.

Nun bekamen wir schon erste Interview Zuschauer. Mein Sohn und sein Freund verfolgten neugierig das Gespräch und eine junge Frau stand ebenfalls in gebührenden Abstand, und wartete, um endlich ein Hermes-Paket abgeben zu können. Ich gebe zu, ich war unvorbereitet und sehr nervös während des Gesprächs.

Langsam kam man auf die Geschehnisse am 31.01.2021 in Jüchsen zu sprechen. Einleitend erzählte ich dem Reporter, das dieser Sonntag in der Regel unser Lichtmess-Sonntag ist. An diesem Tag findet traditionell ein großer Umzug im Dorf statt. Aufgrund des Corona-Virus wurden alle Veranstaltungen von unserem Karnevals-Verein abgesagt. Wie man schon bei einem RTL Interview von einem Einwohner hörte, feierten die Menschen im dezimierten Familienkreis in ihren Häusern etwas Fasching. Ein kleines Gefühl des Zusammenhalts in der Isolation unserer Häuser. Ohne den, zur Lichtmess gewohnten Faschingsschmuck, bot unser Dorf ohnehin nur ein desolates Bild.

Bevor ich die Frage zum Ablauf schildern konnte, stellte ich nochmal klar, das ich nicht direkt anwesend war und nur berichten kann, was ich selber erlebt, gesehen oder gehört habe. „Echte“ Reporter können auch nur so arbeiten. Die gezielte Befragung ist eine unverzichtbare Methode der Recherche, da selbst die berichtenden Medien meistens nicht Live bei den Ereignissen dabei waren. Ich beschrieb den eintreffenden Polizeikonvoi, der sich friedlich auf unserem Sportplatz versammelt hatte und auch wann schlussendlich der Zugriff erfolgt sein soll, laut einem Gespräch mit einer Anwohnerin in der Meininger Straße.

Weiterhin gab ich dem Reporter zu verstehen, das es sich bei dem so geheypten Karnevalsumzug nur um einen kleinen Autokorso gehandelt hatte, sowie um die wenigen Leute, die den 15,16, 17 Autos?? zugeschaut und gewunken hatten. JA, zweifelsfrei gab es einen Autokorso, aber was hat das mit einem Karnevalsumzug zu tun? Das war schlichtweg bildgeprägte Berichterstattung.

Das es keine Auflösung eines Karnevalsumzug durch die Polizei gab, betonte ich mehrmals. Einzig ein kleiner verbliebener Rest von mehr oder weniger angetrunkenen Jugendlichen auf dem Marktplatz wurde reglementiert.

Die Resonanz auf meinen Artikel interessierte den Reporter ebenfalls. Ich erzählte ihm von dem Anruf der freundlichen Dame aus Weimar, die mein Artikel zu Tränen gerührt hatte. Er lächelte und etwas sehr warmes und versöhnliches lag in seinem Gesicht. Ich hoffte in diesem Moment inständig, das sie aus dem jetzt geführten Interview keine neue Diffamierungs-Story machen.

Wir beherrschen uns, damit uns das Virus nicht beherrscht!

Der Reporter fragte mich weiter, wie ernst man in unserer Gemeinde die Corona-Schutz-Maßnahmen nimmt. Ich antwortete ihm wahrheitsgemäß, das wir den Virus im Ort sehr ernst nehmen. Es sind in Jüchsen schon einige Menschen daran erkrankt und es gab Tote, in Verbindung mit dem COVID-19 Virus. Ich bot ihm an, sich einfach mal spontan in unseren örtlichen Tegut oder die Apotheke zu begeben und sich davon zu überzeugen, das jeder eine Schutzmaske trägt und die Mindest-Abstände einhält.

Das Video hatte eine Gesamtdauer von 10 Minuten. Der Kameramann wollte dann noch ein Foto von mir machen, wie ich in meinem Büro sitze und schreibe. Ich kramte noch schnell einen Ordner hervor und lächelte gutgelaunt in die Kamera.

Dann fotografierte er meine Hände auf meiner Tastatur, um dem Leser meine Schreibwut zu suggerieren. Draußen vor meinem Hermes Paketshop folgte dann ein abschließendes Portrait Foto und schon war das Überfallkommando wieder verschwunden.

Es hat mich ein wenig erheitert, als der Reporter zu mir sagte, das es ungewöhnlich ist, das sich in einem so kleinem Dorf eine Blogschreiberin befindet. Er meinte, dies kennt man sonst nur von großen Städten. Überhaupt konnte man mit den beiden BILD-Reportern prima plaudern, als die Kamera aus war.

Liebe „BILD am Sonntag“. Bitte bleibt bei der Wahrheit gebt den Inhalt meines Blogartikels in Relation mit dem geführten Interview, objektiv wieder. Eure hohe Glaubwürdigkeit der Meldungen muss durch Objektivität und möglichst ungekürzter Verständlichkeit wieder neu verdient werden. Ich hoffe, ihr nutzt diese Chance.

Der Leser hat ein feines Gespür für den Belastungseifer, mit dem über uns geschrieben wird. Und er kann diese Paranoia tagtäglich nahezu überall studieren.

Einer unserer Einwohner, der dem Sender vom RTL in einem Interview Auskunft zu den Vorkommnissen am Sonntag gab, berichtete nämlich, das sein gesprochener Text länger und umfangreicher war, als schlussendlich im Privatfernsehen gezeigt wurde. Dadurch kam der Inhalt verfälscht rüber, da ein wichtiger Teil des Gesagten fehlte.

Dumm wenn man im Dorf noch miteinander spricht und solche Dinge dann zu Tage gefördert werden.

Die Gräben zwischen einfachem Bürger auf der einen Seite und Medien/Politik auf der anderen Seite schließen sich langsam.

Erste Leserbriefe erreichten die Redaktion unserer lokalen Tageszeitung über den „wirklichen Ablauf“, der Dinge vom Sonntag. Die Beiträge sind allerdings von der Redaktion überarbeitet worden, was mir 2 Autoren der Leserbriefe bestätigt haben. Die üblichen kleinen Schattierungen wurden vorgenommen.

Meinungsfreiheit – Lichtmess? Leider musste ich heute Morgen meine veränderte Lesermeinung in der Tageszeitung lesen….

Gepostet von Re Si am Freitag, 5. Februar 2021

Die Wahrheit

Nach den vielen Gegendarstellungen der Einwohner Jüchsens über den uns vorgeworfenen Karnevalsumzug, rudert die Presse nun zurück. Folgende Zeilen konnte man heute, 06.02.2021 im Freien Wort / Meininger Tageblatt lesen:

„Der Lichtmess-Umzug in Jüchsen vom vergangenen Sonntag stand in dieser Woche vielfach in den Medien im Fokus. An Kritik mangelt es nicht: Die Darstellungen darüber seien falsch und weit überzogen, ebenso der Polizeieinsatz.

Ja, Fehler in der Berichterstattung wurden gemacht (und teils korrigiert), die andere aufgegriffen und verstärkt dargestellt haben.

Ja, die Zahl der Teilnehmer und Zuschauer lag niedriger, als erst gemeldet.

Ja, die Polizei hat erst reagiert, als die eigentliche Veranstaltung längst vorbei war…..“

Quelle; Meininger Tageblatt, 6./7. Februar 2021, „Unsere Woche“ (Augenmaß) von Tino Hencl
Quelle; Meininger Tageblatt, 6./7. Februar 2021

Ich musste den Beitrag in der Länge kürzen, da ich mich auf die wesentliche Aussage beschränken wollte. Nun müssen nur noch N24, RTL, MDR u.v.m. ihre Berichterstattung dahingehend korrigiert, und schon läuft der Laden wieder.

Zeit für einen Neuanfang

Leise flüstert nun eine Stimme im Hinterkopf zu mir: „Warum sollen die Medien, wie z.B. die „BILD am Sonntag“ nun radikal umschwenken und die Wahrheit berichten?“ Ich antworte sanft zurück: „Weil wir eigentlich einen anderen Feind bekämpfen sollten, anstand ständig gegeneinander zu kämpfen. Wir leiden unter einer hohen Anzahl von COVID-19-Infektionen und werden wahrscheinlich mit einer Vielzahl von Todesfällen und Krankheiten konfrontiert werden, während wir weiter auf die vollständige Einführung von Impfstoffen warten. Und das Leiden könnte durch den neuen Coronavirus-Stamm, noch verschlimmert werden! Geben wir den Medien eine Chance. Unser wirklicher Feind ist der Virus!

Es ist für jeden an der Zeit, die Empörung über Jüchsen mehrere Stufen zurückzudrehen!!

Mein Artikel ist sogar auf dem Titelblatt der „Südthüringer Rundschau“ ungekürzt veröffentlicht worden. Vielen Dank!!

3 Kommentare

  • Eine Jüchsenerin

    Ich finde es super wie du dich als reingeschneite 😉 dafür einsetzt die Ehre der Juchsener wieder her zu stellen .
    Ich finde es furchtbar wie wir in der Presse dargestellt werden.
    Danke für diese Zeilen….

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